Zeit für ein Buch: Prinz Arschloch von Katja Oelmann

Heute stelle ich euch mal kein Katzenbuch vor sondern etwas für Freunde des trockenen Humors, der hier in diesem Buch echt nicht zu kurz kommt.

Mir hätte ja schon klar sein müssen, dass mir dieses Buch gefällt wenn ich ein wenig genauer geguckt hätte – die Autorin Katja Oelmann kommt aus Berlin, naja eher aus Potsdam aber gehört ja „fast“ dazu und wer meine besondere Affinität zu Berlin kennt weiß das ich die „Berliner Schnauze“ und den Humor liebe.

Das Social-Media-Team rund um BVG ist in der Hinsicht ja auch echt Klasse und ich amüsiere mich des Öfteren über ihre Sprüche und Texte.

So in etwa ging es mir auch bei dem Buch „Prinz Arschloch“ und es im Wartezimmer eines Arztes zu lesen bedarf einiger Selbstbeherrschung um dort nicht in der Stille des Wartens loszubrüllen vor Lachen.

Und weil es mir das Buch so gefiel hat mir die Autorin erlaubt hier diese Leseprobe für euch zu veröffentlichen.

LESEPROBE aus dem Kapitel „Zweimal umsteigen“:

Umsteigen. Der Bahnsteig ist überfüllt. Unser Zug fährt ein. Anscheinend wollen alle gleichzeitig hinein. Wie auf einem Konzert von AC/DC werde ich mit dem gesamten Gepäck regelrecht zur Einstiegstür gepresst. Ja, das Gepäck trage immer noch ich. Andreas ist ja schließlich verletzt und krank. Aber das kennt man ja von Männern. Eingewachsener Zehennagel, Blähungen, Haarspliss. Das sind alles unheilbare, meist tödlich verlaufende Krankheiten. Jawohl.
Vermutlich ist auch die Blase vom zu hartem Lackschuh bei ihm schon längst als chronische Krankheit abgespeichert und er hat deswegen schon einige Anträge auf Kur gestellt.
Es geht voran. Im Zug bahnen wir uns einen Weg durch den Gang. Schritt für Schritt. Er voran, ich direkt dahinter. Der erste Waggon ist fast geschafft. Als hätte ich es geahnt: Seine Kräfte lassen nach. Ganz plötzlich. Nämlich genau in dem Moment, als wir ein Abteil passieren, in dem der Prototyp aller Blondinen sitzt. Ganz für sich allein auf einem Vierersitz, wie es der Zufall so will.

Seit einer geschlagenen Stunde sitzen wir ihr nun gegenüber. Ich tue so, als würde ich nach draußen schauen, mustere sie jedoch so, dass es ihr nicht auffällt. Sie sieht so gut aus, dass sogar Barbie neidisch werden könnte. Wer auch immer für die Verteilung der Schönheit zuständig war: Er war offensichtlich besoffen. Nur so kann ich mir diese anatomische Ungerechtigkeit erklären. Ihr Oberteil besteht eigentlich hauptsächlich aus einem V-Ausschnitt. Ich frage mich, was sie den ganzen Tag so isst, denn sie sieht wirklich sehr, sehr schlank aus um die Implantate.
Wie streng ist wohl ihr Ernährungsplan? Morgens ein Glas Wasser, mittags Bouillon ohne Einlage und abends ein Glas Wasser? Aber sicher ist auch ihr ab und zu mal nach richtig deftiger Hausmannskost. Und zu ganz besonderen Anlässen wirft sie alle Kalorientabellen über Bord, bindet sich ihre Schürze um, stellt sich an den Herd und kocht sich ihr Lieblingsessen: Buchstabensuppe.
Mein Blick fällt auf ihr goldenes Fußkettchen, zwangsläufig auch auf ihre akkurat lackierten Fußnägel, die augenscheinlich nach Schablone gewachsen sind. Sie sitzt kerzengerade und schaut aus dem Fenster. In regelmäßigen Abständen klimpert sie mit ihren langen, dick getuschten Wimpern. Um einiges langsamer, als Normalsterbliche das tun, aber dazu mit absolut laszivem Blick. Ihre vollen Lippen hat sie zu einer Art Kussmund geformt. Insgesamt sieht aber alles so aus, als wollte sie sich die ganze Zeit einen Pups verkneifen. Ihr ganzes Erscheinungsbild und ihre Motorik führen mich zu der Annahme, dass das Solarium nicht nur ihre gebräunte Haut verstrahlt hat.
Andreas merkt das gar nicht. Er ist im Geiste schon in den von der künstlichen Sonne geküssten Ausschnitt dieser langbeinigen Fata Morgana eingezogen. Wahrscheinlich hat er sich dort gedanklich häuslich eingerichtet und wünscht sich insgeheim auf die Spielwiese, nach Möglichkeit direkt zwischen die üppigen Wohlfühlkissen. Jedenfalls starrt er ihr so begeistert auf die Brüste, als hätte er gerade eine neue Inselgruppe entdeckt.
Titten-Magellan ist nun nicht mehr zu bremsen. Er muss sie einfach ansprechen und sieht mich dabei an, als hätte er gar keine andere Wahl.
Ich frage mich, welcher Vorname zu ihr passen könnte. Chantal? Britney? Während ich darüber nachdenke, kommt mir in den Sinn, dass sie möglicherweise gar keinen richtigen Vornamen hat. Wahrscheinlich heißt sie einfach nur Prinzessin.
Andreas stellt sich bei ihr ganz bescheiden und kleinlaut vor, allerdings mit ganz klitzekleinen Hinweisen auf einen möglichen Zusammenhang zwischen seiner Person und Autohäusern, einem Geschäftsführerposten, Mercedes, seinem Singledasein …
Danach startet er aufgeregt seine Befragung: »Wohin geht die Reise? Wo kommst du her? Als was arbeitest du?« Er horcht die Traumfrau ganz neugierig aus. Dabei schmachtet er sie gierig an und demonstriert, dass er ihr alle Wünsche erfüllt: Schuhe, Sonnenbrillen, einen Führerschein. Einfach alles. Und anscheinend trifft er bei ihr damit auch voll ins Epizentrum, denn die Blondine strahlt zurück, als würde sie gerade für den Spot einer Zahnpasta-Werbung proben.
Jetzt hat Prinzessin zum ersten Mal gesprochen. Ich muss das wirken lassen. Ihre Stimme klingt genauso wie die von Yvonne aus der »Olsenbande«, nur mit Berliner Dialekt. Es ist Kichern, Kreischen und Reden gleichzeitig. Alles in höchster Oktave. Ich glaube, wenn alle Rockstars ausschließlich Groupies mit solchen Stimmen hätten, würden sie sich ihre Ohren zuhalten und von der Bühne rennen. Und so mancher Musiker hätte inzwischen freiwillig wieder seinen alten Job als Ausbaumaurer angenommen.
»Ick komm aus Berlin«, sagt sie hastig. »Hellasdorf.« Wieder ein kurzes Quietschgeräusch. »Arbeiten tue ick inna Videothek.«
Ich räuspere mich kurz und grinse vor mich hin. Andreas sieht das. Sofort bringt er sich Partei ergreifend wieder ins Gespräch ein.
»Interessant. Abwechslungsreiche Arbeit«, stellt er fest. »Kundengespräche, Arbeiten am Computer, Rechnungswesen, Schriftverkehr, Abrechnungen.«
»Also, ditte macht meene Chefin allet alleene. Ick mache so die Zuarbeiten. DVDs einsortieren und holen. Sowatt halt.«
»Interessant«, wiederholt sich Andreas und ich schiele von der Seite mit hochgezogener Augenbraue zu ihm rüber. Ist bei ihm gerade eine Stelle im Vorzimmer frei geworden, oder wie? Jetzt geht sie auf ihren Dienstplan ein: »Aber nur halbtachs. Weil, ick hab noch zwee Katzen und da kann ick nich den janzen Tach.«
Mich wundert es, dass Prinzesschen überhaupt einer geregelten Kurzarbeit nachgeht.
»Ist ja bestimmt auch anstrengend«, pflichte ich ihr bei.
Andreas gefällt es absolut nicht, dass ich mich in das Gespräch einmische. Aber die Blondine hat schließlich nicht gesagt, dass sie sich nur mit ihm unterhalten will.
»Ick bin übrigens Peggy«, stellt sie sich uns vor.
»Amelie«, sage ich.
»Andreas«, sagt Andreas, obwohl er sich schon vorgestellt hat. »Ich fahre übrigens auch nach Berlin«, verkündet er freudig. Mein Ziel spielt anscheinend keine wesentliche Rolle. Ich bin abgemeldet.
Peggy greift nach ihrer pinkfarbenen Handtasche und fischt daraus ein Handy in Glitzerhülle hervor, das soeben Pieptöne von sich gegeben hat. Am Schieber des Reißverschlusses hängen einige kitschige Anhänger.
»Sorry«, sagt sie augenzwinkernd. Ihre langen Wimpern klimpern unruhig. Sie sind so dick mit Mascara angemalt, dass man sich getrost ein Stückchen davon abbrechen könnte, wenn man mal etwas zwischen den Zähnen hat.
Sie tippt eine Nummer ins Handy und zupft danach solange ungeduldig an ihrem rosa Minirock rum, bis sich am anderen Ende endlich jemand meldet. Peggy wirkt ganz aufgeregt.
»Ja, icke«. Schweigen. »Und wo muss ick jetze hin?« Stöhnen. »Och nööö!« Wieder Stöhnen. »Ick hab nich uffjepasst, man so‘n Mist! Ja. Ja, weeß ick ja. Bis dann«, sagt sie so traurig, als wäre gerade ihr schönster Fingernagel abgebrochen.
»War gerade ‘n Kumpel, der uff meene Katzen uffpasst. Der hat mir ‘ne neue Zuchverbindung rausjesucht. Ick wohne nur in Berlin«, sagt sie. »Fahren tue ick eigentlich nach Hannover, aber ick bin in Bayreuth falsch umjestiegen. Deswegen muss ick in Lichtenfels umsteigen und irgendwie zurück nach Nürnberg.«
»So ein Jammer!«, sage ich. Für Andreas natürlich. Obwohl ich glaube, dass ihm Peggy ohne Stimme besser gefallen hat. In wenigen Minuten sind wir in Lichtenfels, tröste ich mich. Ich hätte mich gefreut, wenn der letzte plastische Chirurg, der Peggy verschönert hat, auch einen On-/Off-Schalter mit eingebaut hätte. Sie plappert ohne Ende, als hätte sie einen Schlüssel im Rücken, den immer wieder jemand bis zum Anschlag aufzieht.
Andreas wird übel. Spontan denken wir an den Kartoffelsalat. Er springt auf und rennt mit der Hand vorm Mund Richtung Toilette. Jetzt bin ich mit Peggy allein.
»Du, sach ma, wieso hat‘n der Andy ‘n Verband am Kopp?«
Oh, jetzt ist er schon der Andy, stelle ich erstaunt fest. Aha. Das ging ja schnell! »Und wer bist eigentlich du? Seine Frau?«
»Nein, nein. Ich bin nur eine gute Bekannte, oder besser gesagt, gute Freundin.«
»Aha. Und watt iss mit seim Kopp?«
»Ja, weißt du, der Andy hat sich gerade von einem prominenten Schönheitschirurgen sein Stammhirn aufpolstern lassen. Dazu wurden ihm ein paar künstliche Gehirnzellen aus Silikon einpflanzt. Die, die er hatte, waren ihm einfach zu wenig, und er hat sich so minderwertig gefühlt, weißt du? Heute konnte ich ihn endlich aus der Klinik abholen. Jetzt muss erstmal alles noch richtig verheilen und dann kann man das Ergebnis sehen. Wenn alles gut gegangen ist, kann er jetzt vielleicht sogar eine oder zwei Fremdsprachen mehr.«
»Wa? Ditt jeht?«, fragt sie ganz verblüfft.
»Ja, ja! Viele Schauspieler haben sich das schon machen lassen. Die könnten doch sonst gar nicht ihren Text auswendig. Das ist nichts anderes wie ein Brustimplantat, nur so eine Brust muss halt nicht denken, verstehst du?«
»Davon hab ick ja noch nie watt jehört«, sagt sie erstaunt.
»Das nennt sich ästhetischer Gehirnaufbau. Wird auch bei Frauen gemacht. Du kannst dich ja mal erkundigen, falls du so einen Arzt kennst«.
»Mach ick uff jeden Fall! Wie hieß ditt nochma?«
»Ästhetischer Gehirnaufbau«, wiederhole ich in der Hoffnung, dass sie sich das merken kann. In Gedanken stelle ich mir gleichzeitig vor, wie Peggy den Mann im weißen Kittel fragt, was das denn so ungefähr kosten tut.
Lichtenfels. Der Zug fährt in den Bahnhof ein. Immer noch ist Andreas auf der Toilette.
»Gibst du ihm die?«, drückt mir Peggy einen Zettel mit ihrer Telefonnummer in die Hand.
»Versprochen!«, beteuere ich und stecke den Zettel ein. Mit einem Drücker und tausend lieben Grüßen, die ich dem Andy ausrichten soll, lässt mich Peggy mitsamt dem Gepäck im Gang des Waggons stehen. »Für Andy von Peggy«, lese ich auf dem Zettel. Darüber die Telefonnummer. Ich zerknülle den Zettel und stecke ihn zurück in meine Jackentasche.

»Wir müssen jetzt umsteigen!«, rufe ich und hämmere gegen die Toilettentür. Leichenblass öffnet Andreas. Ein säuerlicher Geruch ist schneller an der Tür als er selbst. »Puh!«, sage ich und fächere heftig. »Wir müssen raus hier. Jetzt!«, dränge ich. Er blickt sich suchend um.
»Ist Peggy schon weg?«, fragt er.
»Ja. Die ist gerade los.«
»Hat sie noch was gesagt?«
»Nö.«

Ich hab mich aus Sicherheitsgründen mit meinem Buch ins Badezimmer verzogen, bei einem warmen Bad mit Kerzenduft lässt sich so ein Buch noch viel besser genießen. So zum Abschluß bleibt  jetzt nur noch festzuhalten dass ihr dieses Buch im gut sortierten Fachhandel bekommt oder aber auch bei Amazon* broschiert oder in der Kindle-Version.



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