Wegwerfartikel Haustier: Urlaubszeit = Aussetzzeit!

Alt, krank, unbequem oder ungewollt trächtig? Und Tschüss…

Ein Artikel von Kerstin Gedack

Die Ferien-/Urlaubszeit naht und wir lesen wieder vermehrt Beiträge darüber, in denen Waldi, Muschi und Co. von Herrchen oder Frauchen zu einem Ausflug eingeladen werden und wie sehr sie sich darüber freuen, mit dem Auto in einen schönen Wald gefahren zu werden. Dort angekommen spielen Herrchen oder Frauchen so toll mit ihnen bis Sie urplötzlich verschwunden sind. Es rührt uns zu Tränen, geht uns ans Herz, wird geteilt und dann doch wieder vergessen, denn es geht uns ja nichts an und geschieht nicht in unserem Umfeld…

Doch was geschieht anschließend mit Waldi und Muschi, alleine in einer fremden Umgebung, weit weg vom sicheren zu Hause und umgeben von viel befahrenen Straßen?

Vom Glück gefunden zu werden

WegwerfartikelWenn sie Glück haben, werden sie von Spaziergängern oder Wildhütern aufgefunden, die sie entweder selbst einfangen und dem Tierschutz übergeben. Oder zumindest benachrichtigen Sie diesen darüber, wo sich so ein ausgesetztes und hilfloses Wesen befindet. Andere erwartet ein Schicksal unter den Reifen eines Autos oder auch im Fadenkreuz eines Jägers, die Begegnung mit einer Wildsau oder vielleicht sogar einem Tierhasser, der sie mit ach so tollen Leckereien aus Wurst, gespickt mit Rattengift, Rasierklingen oder Reißzwecken füttert…

Meine damals knapp ein Jahr alte Hündin Laika hatte das Glück, von einem Jäger im Helmstedter Wald gefunden zu werden. Sie war seit mindestens drei Tagen angekettet an einem Baum bei 40 Grad im Schatten. Sie kam völlig verängstigt, abgemagert und dehydriert in das örtliche Tierheim, aus welchem ich sie dann nur zwei Wochen später adoptieren durfte.

Aber nicht nur der Wunsch nach einem tierfreien Sommerurlaub mit der Familie führt zu so einem verachtenswerten Verhalten.

Bei Ebay zu verschenken

Immer wieder lesen wir Ebay-Kleinanzeigen, in denen hochträchtige Katzen verschenkt oder verkauft werden sollen, oft auch mit dem Zusatz „eilig, dringend, sofort, sonst…“ versehen.

Auch hier blutet uns das Herz, sie werden in etlichen Gruppen geteilt und es bricht ein wahrer Shitstorm über die Inserenten herein. Was eigentlich helfen soll, bewirkt hier das Gegenteil. Der Inserent, der hunderte von vor Hass triefenden Emails oder Anrufen bekommt, antwortet nicht einmal mehr auf freundliche und helfen wollende Mails, geht nicht mehr ans Telefon und löscht sein Inserat.

Das Schicksal der armen hochträchtigen Katze bleibt ungewiss.

Gerade gab es wieder einen Fall, der die Gemüter sehr bewegte. Eine Katze sei nach der Geburt ihrer drei Kitten verstorben und da man keine Zeit hätte, sich um die Handaufzucht zu kümmern, sollten die Kitten nun sofort vermittelt und für 100,-€ je Kitten verkauft werden.

Dank des sofortigen Handelns des Tierschutzvereins Landshut und Umgebung e. V. (Heinzelwinkl), wurden die drei Kitten aus ihrem Umfeld gerettet und zur weiteren Aufzucht in professionelle Hände vermittelt, wo sie nun von einer Ammenkatze aufgezogen und liebevoll umsorgt werden.

https://www.vom-taubertal.de/blog/hurra-es-ist-maikaetzchen-zeit-wirklich-hurra/

https://www.facebook.com/photo.php?fbid=598165523619699&set=a.288010861301835.47053.100002787711003&type=1

Schaut man sich mal die Facebookseite des Tierheim Heinzelwinkl (https://www.facebook.com/Tierheim.Heinzelwinkl?fref=ts) an, findet man viele Beiträge von Fundtieren, die entweder nicht gechipt, oder gechipt, aber nicht registriert sind. Darunter finden sich auch sehr viele alte oder kranke Tiere.

Tierschutzverein Landshut & das Tierheim Heinzelwinkel

Um Euch mal die Arbeit des Tierschutzvereins Landshut und Umgebung e. V. (http://tierheim-landshut.de/) näher zu bringen, habe ich die dort unermüdlich arbeitende Nicky Moser, stellvertretend für ihr Team, um ein Interview gebeten.

Ich bin ihr sehr dankbar dafür, dass sie sich bereit erklärt hat, mit zusammenzuarbeiten. Es freut mich, dass sie die vielen Fragen geduldig beantwortet hat.

Kerstin: Liebe Nicky, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für ein Interview mit uns nimmst. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, unseren Lesern einen Einblick in Euren Alltag zu geben und einmal hinter die Kulissen des Tierschutzes zu schauen. Was für Aufgaben übernimmt Euer Tierheim?

Nicky Moser: Aufnahme von allen Tieren, versorgen von Verletzten, kastrieren, impfen.

Kerstin: Wie viele Tiere betreut Ihr derzeit bei Euch? Wie werden diese untergebracht?

Nicky Moser: 30 Hunde, nachts im Zwinger, tagsüber mit Auslauf, 60 Katzen in Zimmern mit Auslauf, 70 Kleintiere im Auslauf mit Stall nach innen.

Kerstin: Wie viele von ihnen wurden direkt und aus welchen Gründen abgegeben? Weißt Du welche Tiere einfach vor der Tür abgestellt oder als Fundiere abgegeben worden sind? Manchmal liest man Meldungen, das Tiere einfach über den Zaun geworfen wurden, wie ist Deine persönliche Erfahrung damit?

Nicky Moser: Auch bei uns werden Tiere über den Zaun geworfen oder am Zaun angebunden. Häufige Abgabegründe sind keine Zeit (keine Lust oder zu viel Arbeit), Vermieter, Umzug oder Allergie. Manche geben ihre Tiere auch einfach als Fundtiere ab.

Kerstin: Wird Euch immer ehrlich gesagt, dass ein abgegebenes Tier krank ist und tierärztlicher Betreuung bedarf? Wie viele Tiere habt Ihr bei Euch, die dringend tierärztliche Behandlung benötigen?

Nicky Moser: Die wenigsten erzählen uns von Krankheiten, aber wir untersuchen alle bei Eingang. Im Moment haben wir 8 Katzen zur Intensivbehandlung.

Kerstin: Es ist ja gerade wieder „Maikätzchenzeit“. Wie viele Handaufzuchten habt Ihr derzeit zu betreuen, bzw. wie viele Mütter mit Nachwuchs?

Nicky Moser: 8 Handaufzuchten und eine Ammenkatze mit 4 Babys.

Kerstin: Wie finanziert Ihr das alles? Habt Ihr einen Tierarzt, der Euch ehrenamtlich und unentgeltlich unterstützt? Habt Ihr auch ehrenamtliche Helfer?

Nicky Moser: Finanziert wird das alles durch unsere Mitglieder, Spenden und Beiträgen aus Fundtier-Verträgen. Wir erhalten keine staatlichen Hilfen, da wir ein privater Verein sind. Unser Tierarzt darf leider aufgrund der Satzungen der Tierärztekammer nicht unentgeltlich arbeiten, spendet dafür aber sehr viel!

Kerstin: In vielen Foren oder Gruppen wird auch immer auf die seriösen Vereinszüchter eingeprügelt, die in den Augen vieler „Tierschützer“ als Ursache des Katzenelends in den überfüllten Tierheimen verantwortlich sein sollen. Wie siehst Du das und wie viele echte Rassekatzen mit ordentlichem Stammbaum sind bei Euch untergebracht?
Wie ist die die Zusammenarbeit mit Züchtern und dem Tierheim?

Nicky Moser: Mir persönlich ist ein guter Züchter lieber, als die Vermehrer von Hauskatzen! Verantwortlich für die vielen Hauskatzen sind Menschen, denen die Tiere völlig egal sind und die ihre Katzen nicht kastrieren lassen. Aber es gibt auch bei Züchtern Vermehrer. Wir haben im Moment einen Bengalen mit Papieren bei uns.

Kerstin: Wie sollten sich unsere Leser verhalten, wenn sie ein dem Anschein nach herrenloses oder verletztes Tier finden?

Nicky Moser: Sofort zum nächsten Tierheim bringen, wenn es sich um ein verletztes oder entlaufendes Tier handelt, wobei zu beachten ist, dass viele Katzen Freigänger sind. Also wirklich nur verletzte oder kranke Tiere ins Tierheim bringen.

Kerstin: Wie sollten unsere Leser mit den diversen Ebay-Kleinanzeigen umgehen, in denen trächtige Katzen oder Kitten im Alter von sechs Wochen verscherbelt werden sollen?

Nicky Moser: So traurig es ist, aber einfach ignorieren geht ja auch nicht. Die Verkäufer beim zuständigen Tierschutzverein melden und das Veterinäramt informieren!

Kerstin: Was war bisher dein schwierigster Fall, der dir womöglich auch nahe ging?

Nicky Moser: 30 Perser aus Gammelsdorf! Wir werden dieses Elend nie vergessen, aber wir vergessen auch niemals die Welle der Hilfsbereitschaft von Züchtern! Daraus entstanden auch wunderbare Freundschaften.

Kerstin: Thema Animalhording: ab wann spricht man von Animalhording und wie kann man entsprechenden Haltern helfen?

Nicky Moser: Animalhording beginnt für mich, wenn man seine Tiere nicht mehr anständig versorgen kann. Zuständig sind leider die Veterinärämter, die meiner Meinung nach viel zu wenig unternehmen.

Kerstin: Die Ereignisse um die Zucht aus Gammelsdorf ist vielen noch in grausamer Erinnerung. Wie hast Du das erlebt?

Nicky Moser: Wie vorher bereits beantwortet. Die Konsequenz sollte ein Tierhalteverbot auf Lebenszeit und egal in welchem Bundesland, Verachtung weltweit und Verbot auf allen Ausstellungen sein!

Kerstin: Wir lesen ja auch immer wieder von überforderten oder sozial sehr schwachen Haltern, die sich die Kastration ihrer Tiere nicht leisten können. Wie verhaltet Ihr Euch, wenn diese auf Euch zukommen und um Hilfe bitten?

Nicky Moser: Wir hatten solche Anfragen schon, aber es wurden auch einfach zu viele Tiere von gut situierten Besitzern zur Kastration gebracht. Wenn ein Notfall ist, helfen wir gerne. Jeder Tierarzt gewährt Ratenzahlung.

Kerstin: Wie können unsere Leser Euch bei Eurer Arbeit unterstützen?

Nicky Moser: Mit jeder Art von Spenden.

Kerstin: Wo siehst Du den Ansatz, um das Katzenelend zu beenden? Was hältst Du von einer deutschlandweiten Kastrationspflicht für Liebhabertiere und wie könnte man diese auch konsequent durchsetzen?

Nicky Moser: Kastrationspflicht unbedingt!!! Aber die Durchsetzung wird meiner Meinung nach nicht möglich sein, da es zu viele Menschen gibt, denen das Elend der Tiere völlig egal ist!

Kerstin: Wann lehnt das Tierheim einen Interessenten ab und unter welchen Gesichtspunkten geschieht dies?

Nicky Moser: Wir lehnen nie jemanden ab, denn ein Tierheim sollte für alle Tiere da sein und ganz wichtig: mit Herz und Verstand.

Kerstin: Zum Abschluss möchte ich Dir noch die Gelegenheit geben, das Wort an unsere Leser zu wenden. Was liegt Dir noch am Herzen, wurde noch nicht erwähnt oder sollte von uns noch mal thematisiert werden?

Nicky Moser: Jeder sollte sich Gedanken vor dem Kauf eines Tieres machen. Ist der Vermieter einverstanden? Besteht eine Allergie? Habe ich genügend Zeit für Pflege und Hege? Habe ich genügend Geld für den Tierarzt und eventuelle OP´s? Wer versorgt das Tier im Urlaub oder bei eigener Krankheit?

Alle privaten Tiere bitte kastrieren. Lieber nur ein Tier und das gut und artgerecht halten, als mehrere im Elend!

Danke für das Interesse an den Tieren.

 Liebe Grüße, Nicky

 Liebe Leser,

wir hoffen, dass wir Euch mit dem Artikel und dem Interview einen kleinen Einblick in die Tierschutzarbeit geben konnten.

Nicky und ihr Team leisten viele Überstunden, um allen Tieren gerecht zu werden, denn mit füttern, saubermachen und Medikamentengabe ist es auch bei ihnen nicht getan.

Was könnt Ihr also tun, um Euch für den Tierschutz einzusetzen?

  • Klärt Eure Freunde, Bekannten, Verwandten oder Kollegen auf, die sich ein Tier anschaffen möchten, fragt sie, ob alle Rahmenbedingungen erfüllt werden können.
  • Erlärt ihnen, wie wichtig eine Kastration auch bei reiner Wohnungshaltung ist, denn Ihr wisst ja alle, wie schnell eine rollige katze auch mal entwischt und ups, plötzlich trächtig ist. Auch Kater sollten niemals potent bleiben.
  • Bittet sie, nicht bei Vermehrern billig zu kaufen, sondern stattdessen entweder einem Tierheimbewohner ein schönes Leben zu ermöglichen, oder aber einen seriösen Vereinszüchter zu kontaktieren.
  • Wer unbedingt nur eine Katze haben möchte, soll sich bitte ebenfalls ans Tierheim wenden, dort sitzen einige Katzen, die von Menschen zu Einzelgängern gemacht wurden, aber bitte zwingt niemals ein Kitten in Einzelhaltung. Das ist nicht artgerecht und kann zu echten Problemen führen, die das Kitten später wieder zu einer Tierheimkatze machen können.
  • Lasst Eure Tiere nicht nur chippen, sondern registriert sie auch, damit sie schnell wieder zu Euch zurückfinden, wenn sie Euch tatsächlich mal entwischt sind. Auch Freigänger, die vll. versehentlich als Fundtier abgegeben wurden, können so schneller wieder zu Euch nach Hause.

Meldet unseriöse Ebayanzeigen oder Anzeigen anderer Verkaufsportale dem zuständigem Tierschutzverein und der Veterinäramt

Anmerkung der Taubertalperser

Gerade das Tierheim Heinzelwinkel hat sich in der damaligen Situation rund um die Gammelsdorfperser sehr, sehr toll bemüht und war auch für uns Züchter ein toller Ansprechpartner. Ich kann die Aussagen von Nicky Moser nur unterstreichen, so traurig dieses Drama auch war so hat es doch etwas positives bewirkt – es hat uns allen gezeigt „gemeinsam geht vieles viel besser“.

Egal um welches Haustier es geht, sei es Hund, Katze, Nagetier oder sonst was – euer ortsansässiger Tierschutzverein sollte immer der erste Ansprechpartner sein. Und auch wenn sie saisonal überlastet sind und vielleicht euch nicht gleich so helfen, wie ihr es euch wünscht – ihr könnt sie ja auch gerne unterstützen. Gerade im Tierschutz freut man sich wirklich über eine jede einzelne helfende Hand.


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