Facebook ersetzt keinen Tierarzt!

Heute möchte ich euch einen Beitrag von der bekannten Savannah-Züchterin und engagierten Tierschützerin präsentieren. Ich schreibe von niemanden geringeren als von Kerstin Gedack, der wir bereits einmal einen tollen Beitrag zu verdanken haben.

Facebook ersetzt keinen Tierarzt

Wir sind zwar allesamt engagierte Katzenhalter, haben uns viel Wissen rund um eine hochwertige Ernährung und eine artgerechte Haltung angeeignet, lesen viel und recherchieren bei gesundheitlichen Problemen unserer Samtpfoten im Internet, aber Fakt ist, die meisten von uns sind nun mal keine Tierärzte und gefährliches Halbwissen kann unsere Katzen im schlimmsten Fall auch töten.

So geschieht es fast täglich, dass ich immer wieder kopfschüttelnd zwar liebgemeinte, aber auch z. T. hochgefährliche Ratschläge in diversen Katzengruppen lesen muss. Manche dieser Tipps halten sich einfach hartnäckig und so möchte ich in diesem Artikel mal die schlimmsten No Go´s zusammenfassen.

Bemerkt man bei seiner Katze eine oder mehrerer folgender Symptome, gibt es nur eine passende Antwort auf die Frage, was nun zu tun sei, nämlich das Tier einzupacken und schnellstens einem Tierarzt vorzustellen:

  • Futterverweigerung
  • Extremes Schlafbedürfnis
  • Rückzug aus der Gruppe
  • Vermehrte Flüssigkeitsaufnahme
  • Apathie
  • Unsauberkeit
  • Ständiges Aufsuchen der Katzentoilette
  • Aufgeplusterte Kauerstellung
  • Starkes Speicheln, Ausfluss aus Nase, Augen oder auch der Vagina
  • Atemgeräusche, ständig wiederkehrendes Nießen oder Husten
  • Offene, blutende und/ oder entzündete Stellen
  • Mehrfaches Erbrechen
  • Anhaltender Durchfall
  • Verminderter Pupillenreflex oder gar verschieden große Pupillen
  • Kopfschräglage
  • Anhaltendes Humpeln oder andere Auffälligkeiten im Bewegungsablauf

BB129Das alles sind Anzeichen für eine ernsthafte Erkrankung und gerade bei Kitten oder auch Senioren ist hier höchste Eile geboten, denn ohne eine sofortige fachmännische Diagnosestellung und Therapieeinleitung kommt oft jede Hilfe zu spät und die Katze verstirbt.

Ich frage mich immer wieder, was Halter dazu veranlasst, bei den eben genannten Symptomen erst einmal Facebook zu befragen, welche Hausmittel zur Selbstmedikation man verwenden soll und ebenso stellt sich mir die Frage, wie andere Halter dann tief in ihre Trickkisten greifen und so großzügig Medikamente und Therapien empfehlen, ohne das betreffende Tier zu kennen, Tiermedizin studiert zu haben oder sonst welche Kristallkugeln zur Diagnosestellung zu befragen. Selbst ein guter Tierarzt stellt keine Ferndiagnosen, denn egal wie viel Erfahrung er hat, auch er kann sich seiner Diagnose erst nach erfolgter Untersuchung sicher sein. In jedem Fall gilt der Leitspruch: Ohne Diagnose keine Therapie!

Kommen wir nun zu den Klassikern der Facebookuser…

Meine Katze kneift ein Auge zu, es tränt und ist gerötet…

Hier werden oft und gerne Kamillentee oder diverse frei verkäufliche Augentropfen empfohlen.

Kamillentee enthält ätherische Öle, die die Schleimhäute zusätzlich reizen und auch austrocknen. Des Weiteren befinden sich im Teeaufguss feinste Schwebepartikel, die ebenfalls zu Reizungen führen. Kamillentee hat demnach im Auge einer Katze nichts zu suchen.

Frei verkäufliche Augentropfen können eine Linderung der Symptome herbeiführen, wenn die Katze Zugluft abbekommen hat, aber gerade bei Rötungen und Schwellungen der Nickhäute, sowie starkem Tränen oder gar eitrigem Ausfluss, muss ein Tierarzt das Auge untersuchen, um ggf. Verletzungen der Hornhaut auszuschließen. Ist die Hornhaut verletzt oder gar ein Fremdkörper in sie eingedrungen, können sich Bakterien einen Weg ins Augeninnere bahnen und dort verheerende Schäden anrichten. Die Folgen einer falschen oder zu späten Behandlung können unter Umständen zur Erblindung oder gar nötigen Entfernung des Auges führen.

Meine Katze hat eine offene, blutende oder eitrige Wunde…

 Oft wird dem Halter nun geraten, es entweder einfach abheilen zu lassen, oder aber die Wunde mit Bepanthencreme, Jodoformcreme, Betaisadona, Ringelblumensalbe und anderen Pasten zu versorgen.

Selbst wenn der Fragensteller ein Bild der Wunde postet, kann doch niemand wirklich abschätzen, wie tief eine Verletzung geht und welche Gewebestrukturen betroffen sind. Eine Bissverletzung z. B. sieht oberflächlich betrachtet nur sehr punktuell aus, aber da die Zähne einer Katze lang und spitz sind, geht so ein Biss bis tief ins Gewebe und die Oberfläche verschließt sich sehr schnell wieder. Katzenspeichel ist aufgrund seiner starken Bakteriendichte hochtoxisch und führt in der Tiefe des Gewebes zu starken Entzündungen, die zu Abszessen, Gewebsnekrosen oder gar Sepsen, also Blutvergiftungen führen können. Hier sollte niemand selbst dran rumdoktern und mit irgendwelchen desinfizierenden Flüssigkeiten spülen, um dann anschließend die Wunde mit all ihren Bakterien noch zusätzlich durch irgendwelche Cremes zu verschließen. Hinzu kommt, dass Jod in jeder Form gefährlich (Magen-Darm-Entzündungen, Herzminderleistung bis hin zum Koma) für Katzen ist, ebenso wie das immer wieder gerne empfohlene Teebaumöl. Auch hier kann nur ein Tierarzt beurteilen, ob und in welchem Umfang eine Therapie von Nöten ist.

Meine Katze hat seit Tagen Durchfall…

Auch hier gibt es ganz schnell diverse Hausmittelchen, angefangen bei einer Schonkost aus gekochtem Huhn mit Reis, über Heilerde, Morosche Suppe, Kohletabletten bis hin zu Perenterol und anderen Durchfallmedikamenten.

Durchfall entzieht der Katze viel Flüssigkeit, so dass sie schnell austrocknet, was bei Kitten und bereits geschwächten Tieren auch zum Tode führen kann. Jetzt zusätzlich Reis zu füttern, ist also kontraindiziert, weil Reis dem Körper noch mehr Wasser entzieht. Morosche Suppe, auch Morosuppe genannt, wirkt antibakteriell, Heilerde und Kohletabletten binden Flüssigkeit im Darm und Perenterol bindet pathogene Keime im Darm und hilft sie auszuscheiden. Klingt ja super, aber woher kommt der Durchfall und womit sollte man also behandeln? Bei Durchfall, der nicht auf eine Ernährungsumstellung zurückzuführen ist und der länger als 2 Tage anhält, sollte die Katze in jedem Fall einem Tierarzt vorgestellt werden. Ebenso ist es zur Diagnosestellung zwingend erforderlich, eine Sammelkotprobe über 3 Tage auf pathogene Keime und Parasiten untersuchen zu lassen. Erst dann kann man gezielt behandeln, denn was nützt die beste Morosuppe, wenn ein Wurm- oder Giardienbefall vorliegt, oder die Gabe von Heilerde bei virösen Erkrankungen? Nur ein Tierarzt kann die Darmperestaltik untersuchen und beurteilen. Ebenso gehören eine Temperaturmessung und das Abtatsten des Bauches zur Diagnosestellung. Als Sofortmaßnahme können Infusionen gegen die drohende Austrocknung und Medikamente gegen Übelkeit und Schmerzen helfen. Erst wenn die Laborbefunde vorliegen, kann gezielt mit der Therapie begonnen werden.

Meine Katze ist plötzlich unsauber…

Bei plötzlich auftretender Unsauberkeit kastrierter Katzen sollte ebenfalls zu aller erst ein Tierarzt zu Rate gezogen werden, um z. B. Blasenentzündungen auszuschließen. Es empfiehlt sich, wenn möglich, den Urin in einer Einmalspritze aufzuziehen und dem Tierarzt zur Untersuchung mitzubringen. Alternativ kann der Tierarzt aber auch direkt die Blase punktieren und Urin entnehmen. Erst wenn Harnwegsinfektionen ausgeschlossen wurden, kann man mit der weiteren Ursachenforschung beginnen. Dazu hat Andrea Frank in ihrem Taubertalperserblog auch schon einen tollen Leitfaden verfasst.

Meine Katze humpelt…

Einmal irgendwo runtergesprungen und ungünstig gelandet, beim Spielen mit dem Kumpel umgeknickt oder einfach eine Kurve nicht richtig genommen und am Schrank oder Türrahmen hängengeblieben und schon humpelt die Katze. An sich gibt sich das sehr schnell wieder und kann einfach beobachtet werden. Sollte die eingenommene Schonhaltung aber auch am nächsten Tag noch bestehen, empfiehlt sich die Abklärung durch den Tierarzt. Auf gar keinen Fall darf man nun aber die ach so gut gemeinten Userratschläge befolgen und der Katze durch die Gabe von Schmerzmitteln aus der Humanmedizin (Acetylsalicylsäure enthalten in Aspirin, Paracetamol u. a.) Linderung verschaffen wollen. Selbst kleinste Mengen dieser Schmerzmittel können neben Magenblutungen, Leberschäden, Knochenmarksschädigungen, Blutbildveränderungen, Erbrechen und Krämpfen auch zum Tode führen.

Meine Katze hustet…

BB128Auch hier gilt, Husten ist nicht gleich Husten und kann alle möglichen Ursachen haben. Die harmloseste Form ist dabei das Hochwürgen von Haarballen oder Katzengras, eine weitere Möglichkeit wäre eine Erkältung, aber auch Herzprobleme (Wasserbildung in der Lungen) können sich so bemerkbar machen. Auf jedem Fall sollte bei widerkehrendem Husten ein Tierarzt aufgesucht werden. Wie oft musste ich jetzt schon Ratschläge in Form von Inhalationen mit ätherischen Ölen lesen. Ätherische Öle (gerade auch Thymianöl) sind giftig und können von der Katze nicht verstoffwechselt werden. Bestenfalls kommt es bei dem unbedachten Einsatz dieser Öle zu Reizungen, Erbrechen und allergischen Reaktionen. Auch vom Einsatz von Hustenlösern oder –stillern aus der Humanmedizin ist dringendst abzuraten. Medikamente für den menschlichen Gebrauch sind immer potentiell gefährlich und dürfen niemals ohne vorherige Absprache mit dem Tierarzt verabreicht werden.

Meine Katze frisst nicht mehr…

Wenn eine Katze plötzlich das Fressen einstellt, ist das immer ein Alarmsignal und die Gründe dafür sind vielfältig. Die harmlosesten sind hierbei Mäkeln am Futter, hohe Außentemperaturen oder einfach auch mal kein Hunger. Verweigert sie aber auch ihr Lieblingsfutter, die heißbegehrten Leckerchen, erbricht sich, oder bekommt Durchfall, ist der Gang zum Tierarzt unumgänglich. Neben Magen-Darm-Erkrankungen können hier auch eine Reihe weiterer Krankheiten, oder gar das Verschlucken eines Fremdkörpers der Grund für die Nahrungseinstellung sein. Das oft geratene Beobachten und Abwarten ist absolut verantwortungslos, denn während ein Hund problemlos einen Fastentag einlegen kann, kann eine fehlende Nahrungsaufnahme bei Katzen bereits nach nur 1 – 2 Tagen verheerende Folgen für ihren Stoffwechsel haben. Vor allem bei Katzen mit Fettdepots droht schnell eine hepatische Lipidose (Fettleber oder auch Fettspeicherkrankheit genannt), die zu einem Leberversagen und somit zum Tod der Katze führen könnte.

Meine Katze hat einen Fremdkörper verschluckt…

Wir wissen ja alle, wie schnell das gehen kann und gerade Schnüre oder kleine Plastikteilchen haben eine fast schon magische Anziehungskraft auf unsere Katzen. Auch beim Verdacht auf eine Fremdkörperaufnahme sollte man seine Katze zum Tierarzt bringen, der nach erfolgter Untersuchung (Röntgen, Ultraschall) die weitere Vorgehensweise mit dem Halter abstimmt. Hier sollte man bitte niemals an ggf. heraushängenden Enden ziehen, da man damit die Speiseröhre oder den Darm verletzen könnte. Auch die Gabe von Malzpasten, Paraffinen oder Ölen zur geschmeidigeren Ausscheidung birgt die Gefahr von weiteren Verletzungen oder auch einem Darmverschluss.

Meine Katze ist irgendwie apathisch…..

Zieht sich die Katze vermehrt zurück, schläft nur noch, will nicht fressen, interessiert sich nicht mehr für ihren Spielgefährten und reagiert auch in keinster Weise mehr auf äußerliche Reize, spricht man von Apathie und es liegt ein echter Notfall mit Lebensgefahr vor. Jetzt ist keine Zeit mehr, seine Facebookgemeinde zu befragen, denn das Tier gehört umgehend zu einem Tierarzt, egal zu welcher Uhrzeit oder an welchem Wochentag. Wer jetzt noch abwarten und beobachten will, spielt mit dem Leben seiner Katze! Gerade musste ich völlig fassungslos von einem Fall lesen, in dem ein 12 Wochen altes Kätzchen Durchfall hatte, stark abnahm, sich kaum noch vom Fleck rührte, völlig anteilnahmslos war und sogar unter sich machte. Das Kitten war bereits vom Tierarzt entwurmt worden und bekam auch eine Infusion, trotzdem verschlechterte sich der Allgemeinzustand. Die Threaderstellerin schrieb abends um 23:00h, dass das Kitten gut fressen und trinken würde (was ich bei all den geschilderten Symptomen wirklich sehr anzweifele), aber sehr apathisch wäre und einfach im Liegen urinieren und dann in der Pfütze liegen bleiben würde. Ihr wurde mehrfach geraten, umgehend, sofort, jetzt gleich und auf der Stelle in eine Tierklinik zu fahren, aber am nächsten Tag war dann zu lesen, dass das Kitten in der Nacht verstorben wäre. Unfassbar und geradezu fahrlässig waren die Kommentare eines Gruppenmitgliedes, das all die Symptome auf eine Depression schob und zu Bachblüten riet.


Die Auflistung diverser Hilferufe ließe sich noch beliebig fortführen und um fragwürdige Rezepturen und Mixturen bei Krebserkrankungen oder anderen organischen Krankheiten erweitern, würde aber nun den Rahmen sprengen.

Ich möchte aber noch hinzufügen, dass vom lapidaren Einsatz von homöopathischen Mitteln, Bachblüten oder auch kolloidalem Silberwasser dringend abzuraten ist. Diese Mittel sollten grundsätzlich nur nach einer erfolgten Diagnosestellung und auch nur nach der Absprache mit dem behandelnden Tierarzt oder Tierheilpraktiker verabreicht werden, da sie Symptome verschleiern oder auch das genaue Gegenteil des gewünschten Behandlungserfolges herbeiführen können.

Grundsätzlich gilt, seine Katze genau zu beobachten und bei Verhaltensänderungen einem Tierarzt vorzustellen, denn Katzen sind Meister darin, ihren angeschlagenen Gesundheitszustand vor uns und ihren Artgenossen zu verbergen.

Und abschließend noch einmal in aller Deutlichkeit:

ohne Diagnose keine Therapie!



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