Mein Tierarzt hat mir empfohlen…

Mein Tierarzt hat mir empfohlen…               

….so beginnen in diversen Foren und Newsgroups meist Beiträge bei denen es des Öfteren den Tierliebhabern hoch kocht und sie einfach nur noch mit den Augen rollen.

Denn leider sind dann die Empfehlungen absolut kontraproduktiv für die Ernährung des Tieres. Meist folgt als Empfehlung Trockenfutter in allen Variationen sei es für ältere Tiere, für Freigänger, für Wohnungskatzen oder sogar für an Struvit- oder Oxcalat-Steinen erkrankte Tiere.

Wieso dies nun kontraproduktiv ist, will ich in diesem Beitrag nicht näher eingehen, das habe ich bereits in meinem Beitrag „Brauchen Katzen Trockenfutter“ ausreichend erläutert.

Heute will ich mich eher dem Punkt der tierärztlichen Empfehlung widmen.

Warum im Normalfall Tierärzte nicht die erste Anlaufstelle für Ernährung sind lässt sich anhand einiger Fakten sehr leicht erklären.

Studium der Veterinärmedizin

Das Studium für Veterinärmedizin hat eine Regelstudienzeit von 5 Jahren und 6 Monaten.

In den ersten Semestern stehen meist die Grundlagen aus den Bereichen Biologie, Chemie und Medizin auf dem Studienplan. Später kann man sich meist auf bestimmte Bereiche wie Pferdemedizin, Geflügel- und Schweinemedizin oder Kleintiermedizin spezialisieren.

Die Studierenden lernen etwas über die Bereiche Blutabnahme, Diagnostik, Ultraschalluntersuchung sowie Injektionstechniken. Auch die verschiedenen Therapiemethoden werden behandelt.

Im 5. Semester kommt dann endlich das Thema dran, dass uns interessierte Tierhalter wohl in Hinsicht auf Ernährung unserer Lieblinge am meisten beschäftigt, die Ernährung unserer Lieblinge – und zwar das Studienfach Tierernährung.

Dies beschränkt sich allerdings auf 2 Semesterwochenstunden (!!!) und ist sehr auf Nutztiere ausgelegt, was auch anhand der Literaturempfehlung für dieses Studienfach sehr gut darlegen lässt.

(Literaturempfehlung: Tierernährung von Manfred Kirchgeßner, Franz X. Roth, Frieder J. Schwarz, Leifaden für Studium, Beratung und Praxis,
Tierernährung ist das Standardwerk für alle Fragen der modernen, leistungsgerechten Tierfütterung. Das Buch behandelt sämtliche biologischen und chemischen Grundlagen der Fütterung und Futtermittel ebenso anschaulich, wie die speziellen Ernährungsanforderungen von Rindern, Schweinen, Schafen, Pferden und Geflügel)

Ich denke es ist nun für einen jeden verständlich, dass hier Tierärzte zwar ein relativ gutes Wissen über Tierernährung für Nutztiere haben, für die Kleintiere beschränkt sich dies aber wohl auf ein Minimum.

Branding der Studenten

Viele Universitäten verfügen über eigene Einrichtungen, in denen das theoretische Wissen an Tieren angewendet werden kann.

Aber solche Einrichtungen sind teuer und der auch der Unterhalt kostet sehr viel Geld, so verwundert es wohl kaum dass sich viele Universitäten über finanzielle Zuschüsse aus der Wirtschaft freuen. Das sich hier so manch ein Tierfutterhersteller stark macht, dürfte im beiderseitigen Interesse sein.

Aber natürlich werden nicht nur feste Einrichtungen mitfinanziert, sondern auch die Forschungen, Arbeiten für Diplomarbeiten etc.

Der Student kommt also schon sehr früh mit den diversen Herstellern in Kontakt. Aber dies geht natürlich noch weiter.

Die größten Hersteller halten auch Symposien und Vorträge mit dem Fokus die richtige Krankheit mit der richtigen Ernährung behandeln. Die Studenten werden da nicht nur mit Produktproben überschüttet sondern auch noch mit allerlei anderen netten nützlichen oder auch weniger nützlichen Dingen.

Hilfe für Studenten

So ein Studium ist teuer, wohl dem der reiche Eltern hat die ihm alles finanzieren können, meist sind aber die Studierenden auf Bafög und Zusatzjobs angewiesen um sich ihr Leben und Studium leisten zu können. Diverse Studiennebenkosten sind nicht gerade förderlich um die angespannte Situation des Studierenden zu entspannen.

Aber fast ein jeder Student hat natürlich den Traum seiner eigenen Praxis. Entweder hat der Student hier wieder das Glück reicher Eltern, eines Lottogewinnes oder von jemanden der ihm seinen Traum vorfinanziert. Hier kommen natürlich die supertollen Finanzierungsangebote der Futterhersteller, die schon auf dem Unicampus dafür werben, sehr gelegen.
Dass sie sich hier natürlich zu einer kleinen Gegenleistung verpflichten wie eben das Produkt des Finanzierungspartners zu vertreiben und in ihrer Praxis zu präsentieren ist nur wirklich eine Kleinigkeit und kein „Beinbruch“ verhilft dieses Zugeständnis einem angehenden Tierarzt doch, seinen Traum zu realisieren – den Traum einer eigenen Praxis

Weiterbildung der Studenten / Tierärzte

Selbstverständlich hat man als Student oder bereits promovierter Tierarzt die Möglichkeit sein Studium zu verlängern und den Zusatz Fachtierarzt für Ernährungsberatung und Diätetik erwerben.
Dieses Studium dauert weitere 4 Jahre und schon hier wird klar, dass wenige wirklich sich diesem Thema widmen werden. Wer bereits mehr als 5 Jahre studiert hat, hier immense Kosten hatte usw. wird bestrebt sein so rasch wie möglich Geld zu verdienen.

Doch die Tierärzte, die weiter studieren, bekommen hier entsprechende Vorträge und Kurse die teilweise von Futtermittelherstellern finanziert und abgehalten werden. So z.B. von Royal Canin die sich sehr stark machen vor allem im Bereich Diätetik.

Furchtbar interessant finde ich hier auch die Buchempfehlung der Universitäten. Hier nur mal die Auflistung aus dem Hunde/Katzenbereich

  • Nutrient Requirements of Dogs and Cats, National Research Council (U.S.)
  • Ernährung des Hundes, (Meyer/ Zentek)
  • Enzyklopädie der klinischen Diätetik des Hundes, (Pibot/ Biourge/ Elliot (Hrsg.))
  • Klinische Diätetik für Kleintiere, (Hand/ Thatcher/ Remillard/ Roudebush (Hrsg.))
  • Praktikum der Hundeklinik, (Suter/ Kohn (Hrsg.) – Begr. v. H. G. Niemand)
  • Krankheiten der Katze, (Horzinek/ Schmidt/ Lutz (Hrsg.))
  • Geriatrie bei Hund und Katze, (Kraft, Wilfried (Hrsg.))

Mal ganz ehrlich, besonders viel und umfangreichreich ist dies ja nicht wirklich, Hauptbestandteil ist auch in bei dieser Weiterbildung der Bereich Nutztiere aber auch andere Tiere wie diverse Exoten, Reptilien, Igel, etc. sind hier in diesem Studienfach Thema.

Aus all den verschiedenen Faktoren lässt sich unschwer er kennen warum Tierärzte gerne mal diverses Futter empfehlen

Hier noch mal zusammengefasst die Fakts

Warum empfehlen Tierärzte gerne Futter der Firma XY

  1. Weil sie von Studienbeginn an mit dem Hersteller XY konfrontiert wurden
  2. Weil sie an der Uni permanent der Werbung durch Hersteller XY ausgesetzt wurden
  3. Weil der Hersteller XY großzügige finanzielle Unterstützung zum Erhalt und Betrieb der universitären Einrichtungen leistet
  4. Weil der Hersteller XY finanzielle Zuschüsse zu Projektarbeiten / Forschungen gewährt die für die Diplomarbeiten teilweise notwendig sind
  5. Weil unzählige Weiterbildungen/Kurse in der Fachrichtung von Hersteller XY finanziert und gehalten wurden
  6. Weil Hersteller XY sich an den Kosten und Einrichtung der eigenen Tierarztpraxis beteiligt
  7. Weil 2 Semesterwochenstunden in einem einzigen Semester einfach nicht genug sind um entsprechende Ratschläge in Bezug auf Ernährung einer bestimmten Tierart zu geben

Aber es gibt und dies muss man sehr wohl betonen mittlerweile auch sehr viele Tierärzte, denen bewusst ist was artgerechte Ernährung bei Katzen bedeutet und hier dem Tierhalter eine sehr gute Stütze sein können.

Ihr habt hier in meinem Blog nun so viel über Tierfutter, die Hersteller, die Bedürfnisse einer Katze gelesen und mit diesem Wissen, mit eurem gesunden Menschenverstand seid ihr in der Lage nun manche Empfehlungen differenzierter zu betrachten.

Und ganz ehrlich, wenn euch ein Tierarzt Trockenfutter empfiehlt, dann sagt mal „Nein“ sagt ihr ernährt eure Tiere artgerecht mit dem was sie benötigen.

Wer nie Gegenwind bekommt, wird auch nie lernen umzudenken und dies betrifft auch sehr wohl Tierärzte.

Quelle: Justus-Liebig-Universität – Gießen; LMU München, VetUni Wien
         

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